es ist wieder soweit. Muße und Langeweile gleichermaßen bewegen mich zu neuen Texten. Und was, wenn nicht der erste "wirklich Alleine-Urlaub" wäre ein besserer Aufhänger dafür?
Der ein oder andere wird sagen: "Mensch Kind, du warst doch schon alleine in Neuseeland und in Australien. Und auch sonst viel unterwegs."
Aber ich finde ein Urlaub ist nochmal was anderes und mir ist aktuell mulmiger zu Mute als damals in Auckland. Dafür habe ich die erste Nacht nicht geweint, sondern friedlich ewig geschlafen und ich musste auch nicht in einem Sechserzimmer mit besoffenen irischen Teenagern über deren schmutzige Klamottenberg ruhen (Anm. der Red.: zum nachlesen siehe Eintrag eins in Cassandra im Kiwiland)
Aber vielleicht liegt das auch an meinem absoluten Nullverständnis der Landessprache. (Latein hilft nicht!) Sagt man nicht das Französische sei elend denn "man liest Pferd und spricht Gaul"? Pillepalle im Vergleich! Zum Glück waren alle Portugiesen mit denen ich heute zu tun hatte an sich ganz entspannt und freundlich als sie mit einer andere Sprache als der Hauseigene konfrontiert wurden. Man kommt also hervorragend mit Englisch durch den Alltag. DANKE!
Aber der Reihe nach.
In Düsseldorf problemlos und zackig durch die Kontrollen und den Check In gekommen, Flug war Schmerz- als auch Zwischenfallfrei, die Zeitungsauswahl war herrlich breit gefächert und die Flugbegleiter von Air France waren super höflich und fantastisch gekleidet. Die Uniformen stammen von Christian Lacroix. Woll- und Baumwollmischgewebe mit sinnvollem Synthetikanteil sorgen für einen optimalen Sitz und eine akkurate, einwandfreie Silhouette auch nach 16 Stunden Flug. Dunkelblau, Rot und Weiß ist ein Klassiker und man könnte sagen: "damit kann man eh nichts falsch machen". Als Gegenargument möchte ich nur kurz die Uniformen der Deutschen Bahn in Erinnerung rufen.
Zu Air France würde ich sagen: "Ich würd's tragen, und das nicht nur zur Arbeit. Félicitation Monsieur Lacroix!"
Eingedenk der Tatsache dass die Französinnen statistisch die schlankesten Frauen Europas sind ist die Optik die diese Dame auf dem Bild abgibt zumindest bei den Flugbegleiterinnen, wie ich am Flughafen Charle de Gaulle feststellen durfte, nicht die Ausnahme.

An diesem ebenso schönem, wie endlos unpraktischem Flughafen mit seiner beeindruckend luftigen und filigranen Architektur saß ich dann auch eine volle Stunde gegenüber eines völlig vollen Mannes. Dieser bediente sich aus einer Ein-Liter Flasche Duty-Free Ballantines fleissig um sich nebenbei im immer besoffenerem Kopf erst in Deutsch und dann auf Französisch um seinen beruflichen Kopf und Kragen zu telefonieren.
Ich konnte nicht weg schauen, nicht aufhören zuzuhören und wusste nicht ob ich was machen sollte. Der Rest am Gate ignorierte ihn mit einer beeindruckenden Gelassenheit. Bedauerlicher Weise ging mir neben: „sagst du mal was?“ „willste ihm mal das Handy abnehmen?“ die ganze Zeit nur durch den Kopf ob die Fluggesellschaft ihn wohl noch mitnehmen würde. Der Mann verschwand irgendwann, seinen Pegel Lügen strafend, ziemlich trittsicher im Menschengewirr. Eigentlich wollte er nach Berlin, der Flug ging ohne ihn.
Was muss passiert sein dass man als optisch erfolgreicher Mensch die Kontrolle über sein Verhalten abgibt und wenn man's ihm sagte, woran es läge, würde er dann aufhören? Wahrscheinlich weiß er das eh schon. Ich glaube ja persönlich es ist die Zeit die einen da korrumpiert. Die gestattet dass sich die kleinen Misserfolge summieren und auf die Seele legen, dass es irgendwann eine Patina aus Kummer und Frust gibt die irgendwann zu dick ist um es einem zu erlauben sich an den kleinen Schönheiten im Alltag hochzuziehen. Und heut zu Tage immer interessanter, weil ermittelbar: hätte man im Falle einer genetischen Disposition Anrecht auf die Übernahme der suffbedingtem Arbeitsausfälle durch die Krankenkasse, ohne gesellschaftliche Verurteilung?
Völlig Schräg.
Als ich fertig war über das Schicksal dieser schwimmenden Seele zu grübelt schob ich mir meine schüchtern eroberte Beute von Ladurée in den Mund. Eine Süßigkeit nach der anderen.
Die MacaronFachVerkäuferin, lächelte bereits säuerlich als ich meine Bestellung mit: „Ich hätte gerne nur vier“.... eröffnete und schaute mir mitleidig auf meinen abgeschrammten Geldbeutel. Sie kramte ein bisschen nach den kleinen Minitüten in der hinteren Ecke unterm Tresen und murmelte mit hochgezogenen Augenbrauen : "die bräuchten sie sonst NIE!"
Schwamm drüber, ich denke sie wird sich von dem Schock erholen. Wie schon erwähnt gab es vier. Vier Macarons die der kulinarische Desserthimmel auf Erden sein soll, das Original, die Süssigkeitenerfindung des 20. Jahrhunderts!
Ich wählte aus 12 Geschmacksrichtungen Vanille, Framboise (Himbeere), Pistachio und Cassis (Schwarze Johannisbeere).Vielleicht nicht individuell genug für Madame, aber ganz sicher nicht großzügig genug. Die Herren und Damen vor und hinter mir kauften mit der tiefen Gelassenheit, die nur Louis Vuitton-Taschen einem vermitteln können 12er, 16er, 24er und 36er Boxen. In diesen Fällen wurden die (angemessen vielen) Macarons in so traumhaft schöne Schachteln verpackt (bei denen man sich selber aussuchen durfte ob diese rund oder eckig sein sollten), dass es sich emotional auch ohne das farbige Eiweißschaumgebäck gelohnt hätte für 29,00, 37,00, 53,00 oder 77,00 Euro eine zu erstehen. Fast hätte ich gefragt ob ich nur eine Schachtel kaufen könnte, aber ich hatte Angst dass ich den Flughafen dann über den Dienstbotenausgang hätte verlassen müssen. ...und zwar umgehend!
Ich hab Macarons in Neuseeland gesehen und gegessen, bei Judit Meron. Eine Ungarin die einen Franzosen heiratete, mittlerweile mit ihm zwei bezaubernde Töchter hat und in Auckland lebt. Neben dem Hausfrauendasein unterhält sie eine ganz kleine, feine Patisserie und ist bei Facebook unter Artisan Cakes by Judit Meron zu finden
Sie fertigt exklusive und wirklich kunstvolle Hochzeits- und Geburtstagskuchen, unter anderen die Weihnachtshonigkekse, die ich letztes Jahr nachbuck (wer sich erinnert, die mit dem hübschen Zuckerguß) und eben jene berühmten Macarons.
Judit's kleine Kunstwerke decken sich im Aroma und der Optik der Beschreibung, die Herr von Ladurée damals mit seinen ersten Macarons zusammen heraus gab. Makellos glatte Oberfläche, seidiger Schimmer, luftige Textur, feinporig. Zartes Aroma von Mandel und Vanille, nicht feucht im Inneren, aber auch nicht trocken. Die Füllung muss formbeständig, fein süß/säuerlich (Himbeere), und aromatisch sein.
Diese Jungs hier heute am Flughafen waren das alles nicht. SKANDAL. Pfusch in den eigenen Reihen! Die Oberfläche war uneben, BLASIG und knubbelig, sogar Löchlein gabs. Das wäre so als würde man einen neuen Mercedes mit Kratzer ausliefern. Das bedauerlichste allerdings war dass sie auch so schmeckten.
Halbherzig, nach lieblosem Abklatsch. Der Macaronteig an sich war ok, aber das störte nicht, denn die Füllungen waren zäh, etwas klebrig und zuckersirupsüß. Allerdings konnte man Johannisbeere und Himbeere sehr gut an der Farbe auseinander halten. Die Farbtöne an sich waren wirklich erwähnenswert und herrlich anzuschauen.
Trotzdem bin ich mir sicher, drehte sich Herr Ladurée im Grabe, wenn er davon wüsste.
Wobei, vielleicht lag das auch am berühmten Ascher-Kaffee von Pauls. Den bestellte ich schon wiederholt wenn ich in Frankreich war, immer wieder gerne, immer mit dem Vermerk im Kopf: „Ah, Pauls! Das kannst du trinken, das war ganz gut“ (das letzte mal sogar drei Tage in Folge auf der Messe) und jedes mal sterben große Mengen Hirn- und Geschmackszellen ab wenn bitteres, lauwarmes Wasser meine Zunge passiert und den hässlichen Hauch ungewischter Nachtclubtresen auf ihr liegen lässt. Gnädig löscht mein Hirn das Gewesene.. Leider nur lückenhaft und es bleibt: „Kaffee in Frankreich ist oft schlecht!“ ...“Hey da drüben, Pauls da ist mir nix schlechtes im Kopf geblieben...“ ...“ Ün grand Café Cräm s'il vu pläh...“
Betäubt von fiesen Geschmäckern, zeitgleich aufgeputscht von Zucker und Koffein betrat ich meinen Anschlussflug nach Lissabon und verabschiedete mich von meinem heißgeliebten Frankreich, dass es immer wieder schafft seinen kulinarischen Weltklasseruf so schauerlich mit Füssen zu treten.
In Lissabon angekommen klappte alles wie am Schnürchen. Gepäckausgabe, Fahrkartenkauf, Metro finden. Alles ist bestens ausgeschildert und meine liebe Vermieterin, Marta, hatte mich herrlich über die Route gebrieft, die ich zu nehmen hatte.
Als ich dann in Baixa/Chiado um 23:30 aus der UBahn fiel, war ich guter Dinge und vergnügt. Nur noch 12o Meter trennten mich von meinem neuen Kurzzeitzuhause. Wirklich? Lissabon ist ja die Stadt der sieben Hügel... ähnlich wie Rom. Nur hier ist das mit den Hügeln und der Anzahl eher eine Art Understatement, Rolltreppen werden hier Nachts gewartet und die Metro ist tiefer gelegt als in anderen Städten.

Und ich dachte mir nur: "Schau nicht ins Licht!" Aber dazu mehr beim nächsten mal.



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